Nicht zu dämmen wäre Wahnsinn!

Immer wieder gelangen Falsch-Interpretationen zum Thema Gebäudedämmen im Ganzen und der Einsatz von Wärmedämm-Verbundsystemen (WDVS) im Besonderen in die Medien. Dabei können die Dena und auch der Fachverband WDVS den Nachweis erbringen, dass sich der Einsatz von Dämmsystemen rechnet. Wer also ja sagt zur Energiewende, der kann nicht nein sagen zur energetischen Sanierung des Gebäudebestands. Die Wahrheit liegt wie immer dazwischen. Energie Kompakt hat mit Wolfgang Setzler, Geschäftsführer des Fachverbands Wärmedämm-Verbundsysteme mit Sitz in Baden-Baden, gesprochen.



Laut Wolfgang Setzler, Geschäftsführer Fachverband WDVS können die WDVS von heute morgen dem Wertstoffkreislauf zugeführt werden und müssen keinesfalls als Sondermüll deponiert werden.


Grafik aus Energiesparkompass zur Befragung der Mieter

Herr Setzler, Wie groß ist das Energiesparpotenzial im Gebäudebestand Deutschlands?

Wie groß es ganz genau ist, kann derzeit wohl niemand sagen, denn es hängt zu einem großen Teil auch vom Nutzer ab. Professor Gerd Hauser von der Technischen Universität München, hat das Einsparvolumen mit einem treffenden Vergleich beziffert. Er gibt an, dass das Energieeinsparvolumen mit 700 Terawattstunden etwa fünfmal so groß ist wie die jährliche Leistung aller deutschen Atomkraftwerke zusammen.

Trotz dieser positiven Botschaft, die Sie auch in dem von Ihrem Verband herausgegebenen „Energiesparkompass“ zitieren, ist die Dämmung von Gebäuden in die Kritik der Medien geraten. Woher kommt dieser Gegenwind, und was tun Sie als Fachverband der Branche dagegen?

Wir haben uns in den letzten Monaten intensiv mit diesem Phänomen auseinandergesetzt. Um konstruktiv auf diese Frage zu antworten, sollten wir konkreter in die Details der Kritik gehen. In jedem Fall lässt die Politik die zum Teil sehr unsachlich verlaufende Diskussion zu frei laufen. Angesichts der eigenen Effizienzziele muss die Bundesregierung selbst stärker für Akzeptanz werben.

Wie gehen Sie beispielsweise mit der Kritik um, dass der Dämmwahn zu „Müllbergen so hoch wie die Alpen“ führen würde?

Zunächst nehmen wir jede Kritik ernst und untersuchen den Sachverhalt. Fakt ist, dass wir derzeit weltweit keinen Überschuss, sondern im Gegenteil einen akuten Mangel an Styropor-Recycling-Material haben (die korrekte Bezeichnung ist EPS – expandiertes Polystyrol). Die Mengen der anfallenden Dämmstoffabfälle auf EPS-Basis wurden analysiert und die Fakten zusammengetragen. Fazit: Es besteht derzeit kein Verwertungsproblem, denn die vorhandenen Wärmedämm-Verbundsysteme aus den 60er-, 70er- und 80er-Jahren werden heute aufgedoppelt und somit den gestiegenen Anforderungen der Energieeinsparverordnung (EnEV) gerecht.

Aber irgendwann haben die Dämmsysteme ihr Lebensende erreicht und müssen entsorgt werden. Was geschieht dann?

Wir forschen diesbezüglich schon seit längerer Zeit. Ganz aktuell mit einem sehr umfangreichen und vom Bund geförderten Forschungsprojekt. Unser Ziel dabei ist der sortenreine Rückbau, denn EPS ist geparkte Energie. In zirka 18 Monaten können wir hierzu ganz konkrete Ergebnisse vorstellen. Eines ist jedoch heute bereits sicher: Die WDVS von heute können morgen dem Wertstoffkreislauf zugeführt werden und müssen keinesfalls als Sondermüll deponiert werden.

Wie begegnen Sie dem Vorurteil Dämmung führt zu Schimmelbefall an den Wänden?

Die Stiftung Warentest hat eindeutig untersucht und in Test Spezial Energie 6/2006 klargestellt, dass das Gegenteil der Fall ist. „Schimmelbefall verbirgt sich vor allem dort, wo falsch oder gar nicht gedämmt ist.“ Dämmstoffe, die fachgerecht an der Wand angebracht werdenganz gleich ob von innen oder außenerhöhen die Wandtemperatur und minimieren so das Schimmelbildungsrisiko. Kalte Wandflächen und hohe Luftfeuchtigkeit im Raum sind die häufigsten Ursachen für Schimmelprobleme.

Allerdings müssen sich auch die Bewohner energetisch sanierter Gebäude, bei denen auch die Fenster ausgetauscht wurden, einfach vernünftig verhalten, das heißt es muss von Zeit zu Zeit ein Luftaustausch erfolgen. Wenn fehlerfrei gedämmt und gelüftet wird, bleibt die Wohnung – was das Dämmen anbelangtschimmelfrei.

Wird deshalb von „Zwangslüftung“ gedämmter Gebäude gesprochen?

Zwang ist ein Wort, das die Deutschen ohnehin nicht gern hören. Umso gereizter reagieren sie. Wie man automatische Lüftung sinnvoll einsetzt und technisch implementiert, dafür haben Fachplaner und Ingenieure praktische Lösungen.

„Brandheiß“ wird derzeit die Brandgefahr von WDVS auf EPS-Basis diskutiert und in den Medien gespiegelt. Wie sieht Ihr Verband dieses Thema?

Wir sehen dies mit Sorge, denn hier werden massiv Ängste geschürt und Verunsicherung betrieben. Natürlich ist jeder Brandfall einer zu viel und schon deshalb bedauerlich. Laut Auswertung der verfügbaren Branddaten 2011 lag die Beteiligung von EPS-basierten WDVS an allen registrierten Bränden im Promille-Bereich und somit unter 1 Prozent. Die Bundesbauministerkonferenz hat sich zunächst anlässlich ihrer Sitzung am 20. und 21. September 2012 mit dem Thema Brandschutz von WDVS beschäftigt und Folgendes protokolliert: „Die Bauministerkonferenz stellt fest, dass Wärmedämm-Verbundsysteme mit Polystyroldämmstoffen ordnungsgemäß zertifiziert und bei der zulassungsentsprechenden Ausführung sicher sind. Gleichwohl nimmt sie die Brandereignisse mit solchen Wärmedämm-Verbundsystemen ernst.“ Es wurde beschlossen, alle relevanten Brandereignisse von Wärmedämm-Verbundsystemen mit Polystyroldämmstoffen unter Berücksichtigung der besonderen Umstände und Gefahren bei Montagezuständen zu untersuchen. Anlässlich der Sitzung der Bauministerkonferenz am 22. März 2013 wurde dazu protokolliert: „Es wurden insgesamt 18 Brandfälle untersucht, bei welchen als Brandszenarium die aus einer Wandöffnung schlagenden Flammen bei einem Wohnungsbrand zugrunde lagen. Die Analyse ergab, dass für diesen Fall die Anforderungen, die sich aus der Zulassung ergeben, für die infrage stehenden Wärmedämm-Verbundsysteme hinreichend sicher sind.“ Da es in der Vergangenheit auch Brandereignisse gab, die außerhalb eines Gebäudes ausgelöst wurden, hat die Bauministerkonferenz den ASBW beauftragt, die Versuchsreihe nun auch unter Naturbrandbedingungen zu veranlassen, um Aufschluss darüber zu erhalten, ob bestimmte Außenbrandszenarien wie etwa ein in Brand geratener Müllcontainer aus Kunststoff zusätzliche Maßnahmen erfordern.

Der Fachverband WDVS beteiligt sich aktiv an dieser Analyse. Wir führen derzeit Gespräche mit dem Deutschen Feuerwehrverband, dem Gesamtverband der Versicherungswirtschaft sowie dem verarbeitenden Fachhandwerk, wie wir die Baustellen noch sicherer machen und die Hauptursache für Fassadenbrände – Brandanschläge auf Container, die auf die Fassade übergreifen – verhindern können. Keinem Politiker, Planer oder Journalisten käme es in den Sinn, Holzhäuser zu verbieten. Sie haben aber die gleiche Brandklasse und sind somit nach geltendem Baurecht brennbare Baustoffe.

Immer wieder wird die Wirtschaftlichkeit von Dämmmaßnahmen angezweifelt. Die Argumente reichen dabei von „übertrieben“ bis hin zu „nutzlos.“

Dämmen lohnt sich auf jeden Fall. Diese Aussage können viele 1000 Bauherren bezeugen. Das Internet ist voll von wissenschaftlichen und praktischen Belegen. Für den bereits erwähnten Energiesparkompass 2012 wurden mehr als 1000 Mieter durch Infratest Dimap befragt, wie sie die Auswirkungen der energetischen Sanierung bewerten. 83 Prozent der Befragten sehen die Auswirkungen sehr positiv beziehungsweise überwiegend positiv. Die Frage der Wirtschaftlichkeit darf allerdings nicht auf mögliche Amortisationszeiten und Heizöleinsparungen beschränkt werden, weil diese auch sehr stark vom Nutzerverhalten, das heißt den jeweiligen Heizgewohnheiten (19 bis 24 Grad), abhängig sind. Gefordert sind wir auch im Neubau. Der Bauherr oder Investor kann durch richtige Planung im Vorfeld – je nach Größe des Objekts – bis zu mehreren 100.000 Euro sparen.

Können Sie das bitte an einem konkreten Beispiel erläutern?

Ein 16-Familien-Wohnhaus in München, geplant mit WDVS und massiver Wand aus Beton, Kalksandstein oder Massivziegel, kann gegenüber monolithischer Bauweise einen Wohnflächengewinn von bis zu 70 Quadratmetern bringen. Das sind bei Münchner Baupreisen ganz locker 280.000 Euro. Rechnet man dies auf die damit zusätzlich erzielbare Miete um, ergeben sich über einen Zeitraum von 40 Jahren bis zu 336.000 Euro Mehreinnahmen für den Investor. Zugrunde gelegt ist bei dieser Rechnung eine durchschnittliche Miete in München von 10 Euro pro Quadratmeter in